Kranz aus Lorbeer, Palme und Wacholder mit Schriftband von Leonardo da Vinci
Leonardo da Vincis Kranz aus Lorbeer, Palme und Wacholder mit Schriftband lässt sich am besten als die andere Seite eines berühmten Porträts verstehen. Er ist die Rückseite von Ginevra de’ Benci, der beidseitig bemalten Tafel in der National Gallery of Art in Washington, DC. Vorn malte Leonardo die junge Florentinerin vor einem dunklen Wacholderbusch und einer fernen Landschaft. Hinten malte er ein gedrängtes Sinnbild aus Pflanzen, Wahlspruch und Identität [1] [2].
Diese Verbindung ist wesentlich. Die Rückseite ist kein selbstständiges Bild, das nur zufällig mit Ginevra verbunden wäre. Sie gehört zum selben Objekt, Format und Deutungszusammenhang. Die National Gallery führt sie unter dem Titel Wreath of Laurel, Palm, and Juniper with a Scroll inscribed Virtutem Forma Decorat [reverse], datiert sie auf etwa 1474/1478, nennt Leonardo als Künstler und Tempera auf Holz als Technik [1]. Die Vorderseite zeigt das Porträt Ginevras selbst, wird in dieselbe Zeit datiert und als Öl auf Holz verzeichnet [2].
Für sich betrachtet kann die Rückseite fast wie ein bloßes Schmuckmotiv wirken. Zusammen mit der Vorderseite wird sie zu einem zweiten Porträt: nicht als Abbild eines Gesichts, sondern aus Name, Tugend, sozialer Beziehung und poetischem Sinnbild zusammengesetzt.
Auf einen Blick
- KünstlerLeonardo da Vinci
- WerkKranz aus Lorbeer, Palme und Wacholder mit Schriftband
- Vollständiger QuellentitelWreath of Laurel, Palm, and Juniper with a Scroll inscribed Virtutem Forma Decorat [reverse]
- Datierungum 1474/1478
- TechnikTempera auf Holz
- SammlungNational Gallery of Art, Washington, DC
- Inventarnummer1967.6.1.b
- Zugehöriges ObjektRückseite von Ginevra de’ Benci
- InschriftVIRTVTEM FORMA DECORAT
Inhalt
- Einführung
- Auf einen Blick
- Die Rückseite von Ginevra de’ Benci
- Lorbeer, Palme und Wacholder
- Schriftband und Wahlspruch
- Bernardo Bembo und die Grenzen der Belege
- Ein gemaltes Sinnbild, nicht nur die Tafelrückseite
- Materielle Fakten und die beschnittene Tafel
- Warum diese Begleitseite wichtig ist
Die Rückseite von Ginevra de’ Benci
Die wichtigste Tatsache über dieses Bild ist sowohl materiell als auch symbolisch: Es befindet sich auf der Rückseite von Ginevra de’ Benci. Die National Gallery katalogisiert beide Seiten getrennt, doch sie gehören zusammen. Die Vorderseite trägt Ginevras gemaltes Bildnis; die Rückseite verwandelt die Dargestellte in ein Sinnbild [1] [2].
Deshalb verdient diese Seite eine eigene Betrachtung statt einer breiten Nacherzählung der Ginevra-Geschichte. Vorn werden die Frau, ihre Haltung, ihre Landschaft und Leonardos frühe Porträtversuche sichtbar. Hinten stellt sich eine andere Frage: Wie kann ein Renaissance-Porträt sprechen, ohne ein Gesicht zu zeigen?
Die Antwort liegt in einer Zeichensprache. Ein mittlerer Wacholderzweig steht in einem Kranz aus Lorbeer und Palme. Ein Schriftband durchquert den unteren Bereich und trägt einen lateinischen Wahlspruch. Rechts oben erscheint ein rotes Siegel. Die Komposition ist sparsam, aber nicht einfach: Sie macht aus einer kleinen Tafel eine knappe Aussage über Namen, Tugend und soziale Identität.
Lorbeer, Palme und Wacholder
Die Pflanze in der Mitte ist Wacholder. Auf Italienisch heißt er ginepro, ein Wort, das an Ginevras Namen erinnert. Schon die Vorderseite des Porträts zeigt Wacholder hinter ihrem Kopf; die Rückseite macht die Pflanze zum Mittelpunkt des Bilds [1] [2].
Um sie herum biegen sich Lorbeer und Palme aufeinander zu. Die National Gallery deutet sie als Zeichen geistiger und sittlicher Tugend [1]. Das entspricht der größeren Funktion des Werks. Hier liegt kein zufälliger Blätterstrauß vor. Die Pflanzen bilden gleichsam einen sprachlichen und bildlichen Satz: Ginevras Name steht innerhalb von Zeichen der Vortrefflichkeit.
Das Format erinnert auch daran, dass Renaissance-Porträts nicht immer wie heutige Fotografien funktionierten. Ein Porträt konnte ein Gesicht zeigen, aber auch ein persönliches Zeichen, einen Wahlspruch oder ein Sinnbild enthalten. Die NGA-Publikation Virtue and Beauty stellt Leonardos Ginevra in die längere Geschichte florentinischer Porträtkunst, in der Frauenbilder neben Ähnlichkeit auch soziale, poetische und moralische Bedeutungen trugen [3].
Schriftband und Wahlspruch
Das Schriftband trägt den Wahlspruch VIRTVTEM FORMA DECORAT. Die National Gallery übersetzt ihn mit „Schönheit schmückt Tugend“ [1]. Der Satz ist kurz, leistet aber viel.
Der Wahlspruch verbindet äußere Schönheit mit innerem Wert. Er sagt nicht, Schönheit ersetze Tugend, sondern dass sie diese schmücke. So verdeutlicht die Rückseite, wie die Vorderseite betrachtet werden konnte. Ginevras Erscheinung sollte nicht bloß als körperliche Anziehung gelesen werden. Sie ist mit Tugend, Ansehen und der gebildeten Sprache der florentinischen Elite verbunden.
Auch deshalb ist die Rückseite kein dekorativer Nachtrag. Sie verändert die Wirkung des ganzen Objekts. Wer beide Seiten kennt, sieht das Porträt als Gespräch: Vorn stehen Ähnlichkeit und Gegenwart, hinten ein moralischer und poetischer Schlüssel.
Bernardo Bembo und die Grenzen der Belege
Die Rückseite bringt auch Bernardo Bembo ins Spiel, den venezianischen Botschafter in Florenz. Die National Gallery erklärt, dass Lorbeer und Palme sein persönliches Emblem waren und eine Infrarotuntersuchung seinen Wahlspruch „Tugend und Ehre“ unter Ginevras Wahlspruch sichtbar machte [1].
Diese Hinweise sind wichtig, haben aber Grenzen. Laut NGA bestellte Bembo wahrscheinlich die sinnbildliche Malerei auf der Rückseite. Dass er auch die Vorderseite in Auftrag gab, sei möglich, aber nicht bewiesen [1]. Dieser Unterschied muss klar bleiben.
Die Rückseite macht Bembo also für das Objekt und besonders für das Emblem höchst relevant. Sie erlaubt aber nicht, das ganze zweiseitige Porträt als vollständig dokumentierten Bembo-Auftrag darzustellen. Die sicherste Sprache ist bedingt: Bembo steht wahrscheinlich mit dem Verso in Verbindung; seine Verbindung zum Avers ist plausibel, jedoch nicht geklärt.
Die Unsicherheit gehört zum historischen Charakter des Objekts. Die Rückseite zeugt von einer Welt der Dichtung, Wahlsprüche, sozialen Beziehungen und sorgsam gewahrten Mehrdeutigkeit, nicht von einer lückenlos dokumentierten Auftragsgeschichte.
Ein gemaltes Sinnbild, nicht nur die Tafelrückseite
Weil die Vorderseite von Ginevra de’ Benci so berühmt ist, kann die Rückseite zweitrangig erscheinen. Sie ist aber nicht bloß die Rückwand einer Tafel, sondern ein sinnbildliches Porträt. In Zeichen statt Gesichtszügen verleiht sie der Dargestellten eine zweite Identität [1].
Das Sinnbild erweitert Ginevras Identität über ihre Ähnlichkeit hinaus. Sie gehörte zu einer florentinischen Welt, in der Dichtung, Tugend, Ansehen und Wortspiel wichtig waren. Der Eintrag der National Gallery zur Vorderseite nennt ihr vornehmes Umfeld und die Bedeutung des Wortspiels mit ihrem Namen [2]. Ein späterer NGA-Artikel ordnet das Porträt unter Leonardos frühe Versuche mit Öltechnik und Pose ein und macht die Rückseite zum Teil desselben frühen Porträtprojekts statt zu einer Randerscheinung [4].
Sie verändert auch unser Zeitgefühl. Ein heutiger Museumsbesucher sieht gewöhnlich zuerst die Vorderseite und erfährt dann von der Rückseite. Doch das Objekt wurde zweiseitig geschaffen. Seine Bedeutung bleibt unvollständig, wenn man sich das Wenden nicht vorstellt.
Materielle Fakten und die beschnittene Tafel
Die NGA verzeichnet die Rückseite als Tempera auf Holz. Die ursprüngliche Tafel misst 38,1 × 37 cm; einschließlich der Ergänzung am unteren Rand beträgt das Gesamtmaß 42,7 × 37 cm [1]. Diese Maße sind wichtig, weil das heutige Objekt kein unberührtes Rechteck aus den 1470er-Jahren ist.
Die Katalogeinträge zu Vorder- und Rückseite unterscheiden beide zwischen ursprünglicher Tafel und späterer Ergänzung unten [1] [2]. Auf der Rückseite fällt diese Unterscheidung besonders auf, weil die unteren Teile von Kranz und Schriftband die Objektgeschichte spürbar machen. Am sichersten spricht man deshalb vom erhaltenen Werk und seinen dokumentierten Ergänzungen, statt das vollständige ursprüngliche Format als sichtbar auszugeben.
Auch das rote Siegel auf der Rückseite gehört zur späteren Objektgeschichte. Laut Provenienzangaben der NGA befand sich das Gemälde spätestens 1733 sicher in der Sammlung Liechtenstein und wurde 1967 von der National Gallery gekauft [1]. Das Siegel gehört daher nicht zu Leonardos ursprünglichem Emblem, wohl aber zum überlieferten Objekt.
Warum diese Begleitseite wichtig ist
Neben dem Porträt von Ginevra de’ Benci gelesen, zeigt die Rückseite, wie Leonardo und seine Zeitgenossen Ähnlichkeit in ein Zeichensystem verwandeln konnten. Die Vorderseite bleibt das hauptsächliche Porträtbild; die Rückseite erklärt, wie Pflanzen, Wahlspruch und soziale Bedeutung das Objekt vervollständigen.
Neben der Hauptseite zu Ginevra de’ Benci gelesen, verdeutlicht die Rückseite drei Dinge. Erstens verbindet Leonardo Identität mit natürlichen Formen. Zweitens konnten Wahlspruch und Emblem ein Porträt sprechen lassen. Drittens muss die Auftragsgeschichte vorsichtig behandelt werden: Die Rückseite weist deutlich auf Bembo, während die Vorderseite weiterhin keine sichere Schlussfolgerung zulässt.
So erhält ein kleines Bild eine große Deutungsaufgabe. Es ist die verborgene Seite eines der frühesten Porträts Leonardos und fordert dazu auf, Schönheit, Tugend und Identität ebenso aufmerksam zu lesen wie ein Gesicht.
Häufig gestellte Fragen
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Quellen
- National Gallery of Art, Washington, DC, „Wreath of Laurel, Palm, and Juniper with a Scroll inscribed Virtutem Forma Decorat [reverse]“.
- National Gallery of Art, Washington, DC, „Ginevra de’ Benci [obverse]“.
- David Alan Brown u. a., *Virtue and Beauty: Leonardo’s Ginevra de’ Benci and Renaissance Portraits of Women*, National Gallery of Art, online veröffentlicht am 1. Januar 2001.
- National Gallery of Art, „10 Surprising Facts About Leonardo da Vinci’s Ginevra de’ Benci“, 25. Januar 2024.



