
Einführung
Picasso hinterließ viele Worte, doch nicht jeder Satz, der über seinem Namen gedruckt wird, ist gleich gut belegt. Eine Bemerkung in seinem eigenen Notizbuch ist etwas anderes als ein Jahre später erinnerter Gesprächssatz. Eine vom Künstler gebilligte englische Übersetzung unterscheidet sich wiederum von einem spanischen Satz, der nachträglich als Original ausgegeben wird. Die folgenden Zitate sind eine kleine, quellenorientierte Auswahl. Zu jedem gibt es genug Zusammenhang, um zu verstehen, worüber Picasso sprach – nicht nur eine für ein Poster geeignete Zeile.
Finden statt „Forschen“: die Erklärung von 1923
1923 sprach Picasso auf Spanisch mit dem Künstler und Schriftsteller Marius de Zayas. Ein späterer Katalog des Museum of Modern Art berichtet, dass Picasso de Zayas’ Manuskript billigte, bevor im Mai eine englische Übersetzung unter dem Titel „Picasso Speaks“ in The Arts erschien. Diese Überlieferung macht die veröffentlichte Erklärung besonders wertvoll. Sie ist zugleich ein Grund, den englischen Wortlaut nicht als wörtliche Niederschrift von Picassos spanischer Rede zu behandeln. [1]
Auf einen Blick
- Ziel: Eine kleine Auswahl von Picassos Worten zu ihren Quellen zurückverfolgen
- Belege: Ein Notizbuch von 1963, veröffentlichte Erklärungen und festgehaltene Gespräche
- Sorgfältig lesen: Ursprünglichen Zusammenhang prüfen und beachten, ob englische Worte übersetzt wurden
Inhalt
- Finden statt „Forschen“: die Erklärung von 1923
- Was beim Malen geschieht: das Gespräch von 1935
- Malerei und Politik: eine Erklärung von 1945
- „Die Malerei ist stärker als ich“: Picassos Notizbuch von 1963
- Berühmte Picasso-Sprüche, die weiter geprüft werden müssen
- Wie man Picassos Worte zitiert
„Finden, darum geht es.“ [1]
Der Satz folgt auf Picassos Kritik an der Bedeutung, die damals dem Wort Forschung in der modernen Malerei beigemessen wurde. Er widersprach einer Erzählung, nach der ein Gemälde wegen der erklärten Absichten oder der Suche nach Neuheit wichtig sei. In derselben Erklärung sagte er, dass das, was ein Künstler tatsächlich tut, mehr zählt als sein ursprünglicher Plan. Der kurze Satz wird oft auf „Ich suche nicht, ich finde“ reduziert. Die hier übersetzte Formulierung steht dagegen in der zeitgenössischen englischen Erklärung, die das MoMA wiedergibt. Der Unterschied umfasst wenige Worte, ist aber quellenkritisch groß: Der bekannte Aphorismus ist eine Paraphrase, solange seine eigene Textgeschichte nicht nachgewiesen ist. [1]
Dieselbe Erklärung von 1923 enthält eine von Picassos bekanntesten Bemerkungen: [1]
„Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt“ [1]
Er verwarf Kunst damit nicht als Betrug. Im umgebenden Abschnitt argumentierte er, ein Kunstwerk sei nicht dasselbe wie die Natur, auch wenn es uns von etwas Wahrem überzeugt. Der Satz gehört zu einer Auseinandersetzung mit Darstellung: Künstler schaffen Bilder, und Betrachtende sollten diese Konstruktion nicht für ein Versagen halten, die Welt zu sehen. Die Ankündigung der MoMA-Ausstellung von 1939 wiederholte den Abschnitt und belegt damit seine Verbreitung über spätere Zitatbücher hinaus. Wer einen der Sätze von 1923 zitiert, sollte de Zayas und die übersetzte Veröffentlichung nennen, statt einen deutschen Satz einem nicht näher bezeichneten Gespräch zuzuschreiben. [1] [2]
Was beim Malen geschieht: das Gespräch von 1935
Christian Zervos veröffentlichte 1935 eine „Conversation avec Picasso“ in Cahiers d’art. Der Bericht des Centre Pompidou[3] verortet das informelle Gespräch in Boisgeloup. In der englischen Fassung des MoMA-Katalogs sagt Picasso, hier ins Deutsche übertragen: [1] [3]
„Ein Bild wird nicht im Voraus ausgedacht und endgültig festgelegt.“ [1] [3]
Danach beschreibt er, wie sich ein Bild mit seinen Gedanken verändert: Formen werden hinzugefügt, geändert und entfernt. Das korrigiert die Vorstellung, ein kubistisches Gemälde sei vollständig berechnet gewesen, bevor der Pinsel die Oberfläche berührte. [1] [3]
Das Gespräch ist ein guter Beleg dafür, wie Picasso 1935 seinen Arbeitsprozess beschrieb. Es ist jedoch kein eigenhändig verfasstes Manifest. Zervos wählte die Bemerkungen aus und hielt sie fest; spätere englische Fassungen fügen eine Übersetzung hinzu. Diese Überlieferungskette ist wichtig, wenn ein verkürzter Slogan wie „Jeder Schöpfungsakt ist zunächst ein Akt der Zerstörung“ als exakter, für sich stehender Satz präsentiert wird. Sicher belegt ist etwas Genaueres: Picasso beschrieb das Malen als eine Folge von Veränderungen, zu denen auch das Entfernen gehört. Seine zahlreichen Zeichnungen und die Überarbeitungen einzelner Werke erlauben, diese Aussage an Objekten zu prüfen, statt sie nur als Maxime zu wiederholen. [1] [3]
Videos: Pablo Picasso
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Picassos Guernica — Karambolage España
ARTE erzählt die Geschichte von Guernica und den Weg des Gemäldes nach Spanien.
Auf YouTube ansehenMalerei und Politik: eine Erklärung von 1945
Picassos Worte über Guernica lassen sich weder vom Spanischen Bürgerkrieg noch vom späteren politischen Leben des Gemäldes trennen. Das Forschungsprojekt des Museo Reina Sofía[4] verfolgt ein englischsprachiges Interview von Jerome Seckler, veröffentlicht am 13. März 1945 in New Masses, und dessen Behandlung im Picasso-Katalog des MoMA von 1946. Dort verwirft Picasso die Vorstellung, ein Gemälde entstehe bloß als Dekoration für eine Wohnung: [4]
„Es ist eine Kriegswaffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind“ [4]
Diese Aussage wird oft als allgemeine Definition der Malerei zitiert. Ihr unmittelbarer Rahmen ist enger und schärfer: die Politik von Picassos Werk während und nach dem Krieg, besonders Guernica. Das Reina Sofía weist auch darauf hin, dass spätere Darstellungen diese politische Kraft abschwächen konnten. Eine sorgfältige Quellenangabe sollte Interview und Datum nennen und die Bemerkung von 1945 nicht mit Picassos getrennter Erklärung von 1937 gegen den militärischen Aufstand in Spanien verschmelzen. Beide erhellen das Gemälde, sind aber keine austauschbaren Fassungen eines Satzes. [4]
„Die Malerei ist stärker als ich“: Picassos Notizbuch von 1963
Die Quelle ist hier überhaupt kein Interview. Das Musée national Picasso-Paris[5] katalogisiert eine Bleistiftinschrift auf dem dritten Umschlag eines Notizbuchs mit der Inventarnummer MP1886. Picasso datierte sie auf den 27. März 1963. Der französische Originalwortlaut lautet: [5]
« La peinture est plus forte que moi » [5]
Auf Deutsch heißt das „Die Malerei ist stärker als ich.“ Der Rest der Inschrift besagt, dass die Malerei ihn tun lässt, was sie will. Das ist eine bewusst paradoxe Beschreibung eines Künstlers, der jahrzehntelang Medien, Stile und Methoden gewechselt hatte. Sie beweist nicht, dass er ohne Entscheidungen oder Disziplin arbeitete, sondern zeigt, wie er damals den Druck des Bildermachens beschrieb. Anders als eine Erinnerung an gesprochene Worte sind Text und Datum auf einem vom Museum katalogisierten Objekt festgehalten. Die Handschrift erinnert zudem daran, dass auch das Setzen der Zeichen zur historischen Evidenz gehört, obwohl die Wiedergabe der Seite eine gesonderte Rechteentscheidung erfordern würde. [5]
Berühmte Picasso-Sprüche, die weiter geprüft werden müssen
Die frühere Zitatseite von pablopicasso.net sammelte viele vertraute Sätze, ohne für jeden ein datiertes Buch, Interview, einen Brief oder ein Manuskript anzugeben. Sie druckte sogar zwei Varianten des Satzes „Jedes Kind ist ein Künstler“. Wir haben diese Varianten, „Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen“ und den Satz über Computer nicht in diese geprüfte Auswahl übernommen. Das beweist nicht, dass Picasso sie nie sagte. Es bedeutet, dass eine selbstsichere Zitatseite mehr braucht als die Wiederholung eines Satzes auf anderen Zitatseiten.
Ein längerer Ausspruch über Dora Maar auf der früheren Seite verlangt ebenfalls besondere Vorsicht. Ihn aus seinem Zusammenhang zu lösen würde aus einem belasteten Bericht über eine wirkliche Person und ihre Darstellung eine beiläufige Pointe machen. Das Verhältnis zwischen Picasso, Maar und den Arbeiten zur Weinenden Frau verdient eine eigene quellenbasierte Behandlung, in der Maars künstlerische Laufbahn sichtbar bleibt und nicht auf eine berichtete Bemerkung reduziert wird.
Wie man Picassos Worte zitiert
Für die Bemerkungen von 1923 zitieren Sie Picassos Erklärung gegenüber Marius de Zayas, „Picasso Speaks“, The Arts, Mai 1923, und vermerken, dass die veröffentlichte englische Fassung aus dem Spanischen übersetzt wurde. Für das Gespräch von 1935 über den Malprozess zitieren Sie Zervos’ „Conversation avec Picasso“, Cahiers d’art, 1935, Nr. 7–10, und nennen die tatsächlich benutzte Ausgabe oder Übersetzung. Für die politische Erklärung von 1945 zitieren Sie Jerome Secklers Interview in New Masses vom 13. März 1945. Für den Satz von 1963 zitieren Sie den Notizbucheintrag des Musée national Picasso-Paris, MP1886 (3c), datiert auf den 27. März 1963. Ein Satz ohne solche Belegkette kann einprägsam sein, ist aber noch kein verifiziertes Picasso-Zitat. [1] [3] [4] [5]
Diskussion
Nutzen Sie die Belege und Ihre eigene genaue Betrachtung, um Ihre Sicht zu erläutern. Dies sind redaktionelle Anregungen, keine Leserkommentare.
Anregungen zum Nachdenken
Worin unterscheidet sich das Notizbuch von 1963 von den veröffentlichten Gesprächen?
Was ändert sich, wenn der Wortlaut durch eine Übersetzung vermittelt wird?
Stützt der ursprüngliche Zusammenhang einer Bemerkung die Art, wie sie heute zitiert wird?
Beteiligen Sie sich am Gespräch
Welche Deutung passt am besten zu den Belegen?
Quellen
- MoMA, Picasso: Forty Years of His Art, einschließlich der Erklärungen von 1923 und 1935. PDF-Quelle nicht verlinkt.
- MoMA, Ausstellungsankündigung von 1939 mit einem Zitat aus der Erklärung von 1923. PDF-Quelle nicht verlinkt.
- Centre Pompidou über Christian Zervos und das Gespräch von 1935
- Museo Reina Sofía über Picassos Interview von 1945 und Guernica
- Musée national Picasso-Paris, Notizbuch MP1886
Bildnachweise
- Didier Descouens. CC BY-SA 4.0. Quelle: Wikimedia Commons. Auf 1.024 px verkleinert; nicht beschnitten. Quelleneintrag. Lizenz.



