
Einleitung
Picasso zeichnete eine nackte Frau und einen Fisch auf eine Karte, die in eine Hand passt. Die Arme der Frau ragen hinter ihrem Kopf empor und bilden oben eine breite Form. Darunter steht ein Fisch fast senkrecht zwischen ihren Beinen. Wenige Farbakzente unterbrechen die dunkle Tinte und Lavierung. Das ist Le Maquereau, meist als Die Makrele übersetzt: eine explizite, kompakte Zeichnung, bei der ein französisches Wortspiel und die physische Form der Karte ebenso wichtig sind wie das überraschende Motiv. [1] [4]
Das Original gehört dem Museu Picasso Barcelona[1], Inventarnummer MPB 50.497. Der aktuelle Katalog datiert es auf 1902, nennt Barcelona als Entstehungsort und beschreibt Feder und Tusche, Lavierung und Farbstifte auf einer bedruckten Werbepostkarte. Es misst 13,3 × 9,1 Zentimeter. Einige Ausstellungskataloge verwenden die weitere Datierung 1902–03; der gegenwärtige Objekteintrag des besitzenden Museums ist jedoch der klarste Bezugspunkt dieser Seite. Es ist eine Zeichnung auf einer bestimmten wiederverwendeten Geschäftskarte, kein Ölgemälde, keine Fortsetzung von 1934 und kein beliebiges Fischbild. [1] [2]
Auf einen Blick
- Französischer Titel: Le Maquereau
- Datum: 1902 im Katalog des besitzenden Museums; 1902–03 in einer Orsay-Liste
- Technik und Träger: Feder, Tusche, Lavierung und Farbstifte auf einer bedruckten Werbepostkarte
- Sammlung: Museu Picasso Barcelona, MPB 50.497
Die Makrele in Picassos Laufbahn
Erste Kommunion
1896Die Makrele
1902; teils als 1902–03 katalogisiertDrei Musikanten
1921Las-Meninas-Serie
1957Die Datierung des hervorgehobenen Werks berücksichtigt die Erläuterungen in den Quellen auf dieser Seite. Die anderen Werke sind ausgewählte Vergleichspunkte, nicht Anfang oder Ende eines Stils.
Inhalt
- Was ist auf der Karte zu sehen?
- Die zweite Bedeutung des französischen Titels
- Eine erotische Zeichnung aus der Blauen Periode
- Warum Kataloge unterschiedlich datieren
Was ist auf der Karte zu sehen?
Die Frau blickt die Betrachtenden an. Ihr Kopf ist nur leicht geneigt, dunkles Haar umgibt das blasse Gesicht. Beide Oberarme knicken nach außen; ihre Hände erscheinen hinter oder nahe dem Kopf, statt nach dem Fisch zu greifen. Braune Lavierung füllt lockere Formen um Schultern und Oberkörperseiten, während der Rumpf weitgehend den hellen Kartengrund behält. Kleine Farbspuren lenken den Blick auf Haar, Brüste, Schambereich und Fisch. Picasso verwendet gerade genug Einzelheiten, um die Begegnung eindeutig zu machen, ohne einen Raum oder eine Landschaft um die Figuren aufzubauen. [1]
Der Fisch liegt weder auf einem Tisch noch schwimmt er durchs Wasser. Er steht aufrecht unter der Frau. Rundes Auge und spitzer Körper kennzeichnen ihn als Tier; seine Position und ein roter, zungenartiger Kontakt machen ihn zum Teil einer erotischen Szene. Eine gesonderte Männerfigur gibt es nicht. Die bildliche Handlung beruht auf der Merkwürdigkeit eines Fischs an der Stelle, an der man einen Körper, eine Hand oder einen Sexualpartner erwarten könnte. Das Bild ist spielerisch und deutlich, sein Thema aber auch absichtlich sexuell. Verschwommene Formulierungen würden verbergen, was Picasso zeichnete. [1]
Das Format wird online leicht übersehen. Mit etwas mehr als 13 Zentimetern Höhe hat das Original nicht die physische Präsenz einer großen Leinwand der Blauen Periode. Die Linien wirken rasch gesetzt, und der wiederverwendete Träger könnte das Experimentieren erleichtert haben; ein kleines Format ist jedoch keine Nachlässigkeit. Die Figur füllt einen großen Teil der Karte. Gespreizte Beine, erhobene Arme und der aufrechte Fisch bilden eine senkrechte Achse, während dunkles Haar und Lavierung der oberen Hälfte Gewicht geben. Auch ein sparsames Bild kann streng organisiert sein. [1]
Auch der Bildträger ist wichtig. Das Museum in Barcelona identifiziert ihn als bedruckte Werbekarte für Juñer Hnos., Nachfolger von Suari y Juñer. Picasso begann nicht auf einem unberührten, eigens vorbereiteten Blatt. Er zeichnete über einen geschäftlichen Druck. Der Objekteintrag sagt nicht, warum er diese Karte wählte, ob sie für eine bestimmte Person bestimmt war oder je mit der Post verschickt wurde. Die Bezeichnung „Postkarte“ in der Materialangabe beantwortet diese Fragen nicht. Bekannt ist der Träger, nicht der Ablauf eines privaten Austauschs. [1]
Die Trennung von Original und Reproduktion ist aus einem weiteren Grund wichtig. Viele Onlinebilder beschneiden die Karte eng oder vergrößern sie auf Plakatformat. Dadurch kann die Zeichnung wie ein bedeutendes vollendetes Gemälde aussehen. Technik und Maße des Museums stellen ihren wirklichen Maßstab und ihre Beschaffenheit wieder her: Spuren von Feder, Lavierung und Farbstift auf einer schon bedruckten Fläche. Die scheinbare Spontaneität ist leichter zu verstehen, wenn der Träger nicht aus der Geschichte verschwindet. [1]
Die zweite Bedeutung des französischen Titels
Im gewöhnlichen Französisch bedeutet maquereau Makrele. Es ist zugleich ein umgangssprachliches Wort für einen Zuhälter oder Kuppler, wie Larousse[4] und die Académie française[4] belegen. Der deutsche Titel bewahrt den Fisch, verliert aber den umgangssprachlichen Sinn. Bei einer sexuellen Zeichnung ist die Doppeldeutigkeit schwer zu übersehen. Der Titel lässt das Tier wie mehr als einen absurden Ersatz für einen menschlichen Partner erscheinen. [4]
Damit ist nicht jede Frage zur Szene beantwortet. Ein Wortspiel ist eine Möglichkeit, Titel und Bild zusammenzusehen, keine erhaltene Erklärung von Picassos Absicht. Das Wort beweist auch nicht, dass die dargestellte Frau eine Sexarbeiterin war, geschweige denn die Identität eines realen Modells. Bei einem anonymen Akt ist die Gefahr besonders groß, aus einem Bildwitz eine Biografie zu machen. Wir können den gezeichneten Kontakt und die französischen Wortbedeutungen beschreiben, ohne Identität oder Lebensumstände der Frau zu erfinden. [4]
Das Fischauge, blaue Akzente und ein kleiner roter Farbfleck geben dem Tier Ausdruckskraft, doch eine aufwendige Symbolik ist zum Verständnis des Blatts nicht nötig. Seine Wirkung entsteht, weil zwei erkennbare Körperarten in eine Beziehung gesetzt werden, die gewöhnliche Größenverhältnisse und Anstandsregeln bricht. Der Titel bietet eine sprachliche Wendung, die eine allein deutschsprachige Betrachtung verpassen könnte. Das Bild macht daraus eine buchstäbliche Begegnung von Frau und Fisch. [1] [4]
Ein explizites Bild ist nicht dasselbe wie eine sichere Interpretation. Picasso konnte Humor, Provokation, Begehren und Wortspiel verbinden, ohne einen einzigen Schlüssel zur Zeichnung zu hinterlassen. Fisch und Frau sind sichtbar; der genaue private Witz, sein Publikum und die beabsichtigte Reaktion sind im öffentlichen Museumseintrag nicht dokumentiert. Verlässliche Kunstgeschichte beginnt bei dieser Grenze, statt sie mit einer später bevorzugten Allegorie zu füllen. [1] [4]
Videos: Pablo Picasso
Entdecken Sie Picasso in fünf Videos von Museen und Kulturmedien.
Picassos Guernica — Karambolage España
ARTE erzählt die Geschichte von Guernica und den Weg des Gemäldes nach Spanien.
Auf YouTube ansehenEine erotische Zeichnung aus der Blauen Periode
Das Datum kann überraschen, wenn man Picassos Blaue Periode allein mit melancholischen Bildern von Armut, Blindheit oder Isolation verbindet. Diese Bilder sind wichtig, bilden aber nicht alles ab, was er damals schuf. Die Ausstellung Picasso Blue and Rose des Musée d’Orsay[2] stellte erotische Zeichnungen und karikierende Blätter neben die düstereren Werke von 1901–03. Le Maquereau gehört zu dieser breiteren frühen Praxis. Sein respektloser Ton verlangt nicht die Einordnung in eine andere Bewegung. Der Leitfaden zur Blauen Periode ordnet dieses Nebeneinander in das Werk von 1901–04 ein. [2]
1902 arbeitete Picasso zwischen Paris und Barcelona; das besitzende Museum verortet diese Zeichnung ausdrücklich in Barcelona. Es verzeichnet aus diesen Jahren andere Zeichnungen von Menschen und Tieren, Karikaturen und erotische Motive. Dass Le Maquereau auf einer Geschäftskarte entstand, stellt es in eine Welt rascher, tragbarer Zeichenarbeit, nicht in einen Atelierauftrag oder ein öffentliches Salonbild. Die Karte mag Informalität nahelegen; die Ausstellungsgeschichte des Museums zeigt aber, dass spätere Institutionen das kleine Werk für eingehende Betrachtung wichtig fanden. [1] [2]
Der gleiche Träger verbindet es mit einer Gruppe Picasso-Zeichnungen auf bedruckten Karten aus dem Umfeld der Firma Junyer. Eine andere erotische Zeichnung einer Frau mit einem Kopffüßer, von Ricard Bru in der Forschung des Picasso-Museums Barcelona zu Secret Images besprochen (PDF-Quelle ohne Link), entstand 1903 auf einer verwandten Karte. Bru vergleicht die aquatische erotische Bildsprache mit Le Maquereau. Der Vergleich zeigt, dass Picasso unwahrscheinliche Verbindungen von Meerestier und Frauenkörper erneut aufgriff. Er macht das Blatt mit dem Oktopus nicht zu einer weiteren Fassung der Fischzeichnung und beweist nicht, dass beide zusammen entstanden. [3]
Die Ausstellung Secret Images: Picasso and Japanese Erotic Prints des Museums in Barcelona[3] stellte Picassos erotische Werke in einen Dialog mit japanischen Drucken, von denen er einige besaß, und untersuchte auch das europäische Interesse an solchen Bildern. Le Maquereau ist in der Ausstellungsgeschichte des Objekteintrags für die Schau 2009–10 verzeichnet. Das ermöglicht einen vorsichtigen Vergleich, belegt aber nicht, dass Picasso 1902 beim Zeichnen eine bestimmte japanische Grafik vor sich hatte. Spätere Kuratierung kann ein Bild erhellen, ohne jede Ähnlichkeit zum Beweis direkter Übernahme zu machen. [1] [3]
Die Rolle des Tiers ist damit genauer als die allgemeine Aussage, Picasso habe Fische gemocht oder später Menschen- und Tierformen vermischt. Hier teilen sich ein wirklicher Fisch und eine menschliche Figur eine bewusst sexuelle Anordnung auf einer kleinen Karte. Der Humor hängt mit dem französischen Wort zusammen, die Form mit Karte und Strichen, das weitere Umfeld mit frühen Zeichnungen, die nicht auf die öffentliche Stimmung der Bilder der Blauen Periode beschränkt waren. [1] [2] [3] [4]
Warum Kataloge unterschiedlich datieren
Der aktuelle Katalog in Barcelona[1] nennt 1902 und 13,3 × 9,1 Zentimeter. Die französische Liste des Musée d’Orsay für Picasso bleu et rose (PDF-Quelle ohne Link) gibt dieselbe Inventarnummer, MPB 50.497, aber die Datierung 1902–03 an. Beide Einträge meinen dieselbe Zeichnung. Die größere Zeitspanne ist Vorsicht bei der Katalogisierung, kein Beleg für eine zweite Makrele von 1903. [1] [2]
Zur Identifizierung des Kunstwerks sind Inventarnummer und Material nützlicher, als ein Jahr zur absoluten Grenze zu machen. Der hier verwendete öffentliche Objekteintrag enthält weder Tag noch Monat. Diese Seite folgt der aktuellen Datierung des besitzenden Museums und zeigt zugleich die historische Spanne. Sie ordnet die auf der alten Website erwähnte Zeichnung von 1934 nicht MPB 50.497 zu. Ein späteres erotisches Bild kann einen Vergleich nahelegen; Titel, Datum, Technik, Sammlung und Belege müssten jedoch getrennt ermittelt werden. [1] [2]
Nach Angabe des Museums kam Le Maquereau durch das Vermächtnis Garriga Roig 1953 in seine Sammlung. Seither war es in Ausstellungen zu Picassos frühen Zeichnungen, erotischen Arbeiten und den Jahren zwischen Blau und Rosa zu sehen, darunter die Orsay-Ausstellung 2018–19[2] und eine Pariser Zeichnungsausstellung 2023–24[1]. Solche Stationen ändern nichts daran, dass es eine kleine Zeichnung im Museum von Barcelona ist; sie zeigen, wie häufig die scheinbar unbedeutende Karte neu betrachtet wurde. [1] [2]
Das Werk lädt vor allem dazu ein zu sehen, wie wenig Picasso brauchte. Die erhobenen Arme rahmen das Gesicht; Lavierung verdichtet den Oberkörper; feine Linien beschreiben Rumpf und Beine; der aufrechte Fisch vollendet den sexuellen Witz. Der französische Titel hat eine zweite Bedeutung, die „Die Makrele“ allein nicht vermitteln kann. Das Blatt ist weder ein berühmtes Gemälde der Blauen Periode noch eine kryptische Vorankündigung jeder späteren erotischen Zeichnung. Es ist ein knappes Bild von 1902, dessen Material, Wortspiel und explizite Anordnung für sich verstanden werden sollten. [1] [4]
Diskussion
Nutzen Sie die Belege und Ihre eigene genaue Betrachtung, um Ihre Sicht zu erläutern. Dies sind redaktionelle Anregungen, keine Leserkommentare.
Anregungen zum Nachdenken
Wie beeinflussen das kleine Format und die bedruckte Karte die Zeichnung?
Was ergänzt die französische Doppeldeutigkeit von „maquereau“, und was beweist sie nicht?
Welche Museumsangaben unterscheiden das Blatt von einem späteren Werk mit ähnlichem Motiv?
Beteiligen Sie sich am Gespräch
Welche Deutung passt am besten zu den Belegen?
Quellen
- Museu Picasso Barcelona, Objekteintrag zu Le Maquereau ; katalanische Fassung ; spanische Fassung.
- Musée d’Orsay, französische Liste Picasso bleu et rose (PDF; Link entfernt) ; Ausstellungsbeschreibung.
- Museu Picasso Barcelona, Secret Images: Picasso and Japanese Erotic Prints (katalanische Ausstellungsbeschreibung) ; spanischer Aufsatz von Ricard Bru (PDF; Link entfernt).
- Larousse, maquereau ; Académie française, die beiden Wortbedeutungen.
Bildnachweis
- H. L. Todd. Gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons. Auf 1.024 px verkleinert, nicht beschnitten. Quelldatensatz. Lizenz.



